Wörter zum Sonntag

suka und viktorJPG

Es war eine anstrengende Woche, eine mit viel Nerv und nochmehr Missverständnissen, einer Menge Sachen, die wir erledigt haben und noch mehr, das liegen geblieben ist. Doch davon lass ich mich nicht niederdrücken. Wir gönnen uns Auszeiten, egal, was kommt. Wir machen Pläne, unter anderen überlegen wir in den Urlaub zu fahren, wenn alles vorbei ist. Da Suka die letzte Zeit ein wenig kurz gekommen ist, weil wir dauernd unterwegs waren, haben wir heute mit ihr einen Ausflug in den Hundewald nach Trappenkamp gemacht, wo sie freilaufen kann.

the_inner_tradition

Am Freitagaben waren wir Musiknaschen. In der Gaardener Sozialkirche findet einmal im Monat ein Konzert statt. Diesmal hat die Kieler Band The Inner Tradition gespielt. Haben mir super gefallen. Die Herren haben schon seit vielen Jahren immer mal, in verschiedenen Konstalltionen miteinander gespielt und seit drei Jahren gibt es sie in dieser Formation. Jeder hat etwas aus seiner bevorzugten Richtung mitgebracht. So ist eine wundervolle Mischung aus Irish Folk, Blues, Breton Folk und manchmal auch Klezmer entstanden. Unbedingt empfehlenswert.

dieter und Viktor

Ansonsten waren wir viel bei Dieter. Gestern hatte er sogar Lust auf einen Spaziergang im Garten des Hospizes und ich habe die Gelegenheit genutzt ein Foto von meinen beiden Brauns zu machen. Ist nicht ganz so geworden, wie ich es mir gewünscht habe, aber vielleicht können wir es noch einmal wiederholen. Die Verfassung von Braun sen. schwankt. An einem Tag geht bald gar nichts mehr und dann wieder ist er recht wach und traut sich auch vor die Tür. Die ganze Situation geht an die Substanz. An manchen Tagen hoffe ich, dass es bald vorbei ist und dann wieder, dass wir ihn noch einige Zeit behalten können. Wahrscheinlich ist das ganz normal. Mein größter Wunsch ist, dass die Endphase sich nicht zu lange zieht.

Lebenszeichen und ein Blick über den Tellerrand

unwirklich

Unserem Leben haftet im Moment etwas Unwirkliches an. Es ist so ein „Dazwischen“. Wir scheinen ständig unterwegs zu sein. Dieters Wohnung, Hospiz, Besorgungen, Überweisungen und  und und. Dann wieder zu Hause und es lohnt sich nicht wirklich etwas anzufangen, weil wir ja gleich wieder los müssen. Jeden zweiten Tag gehen wir den Herrn Schwager bespaßen, der immer weniger wird und nun alles regelt. Gestern hat er mit uns seine Beerdigung besprochen und wer was von seinen weltlichen Gütern haben soll. Bücher, Staubsauger und so weiter wollen ja verteilt sein. Viktor und ich sind sehr erleichtert, dass er es loslässt und sagt, was womit geschehen soll. Das erleichtert es doch sehr.

Trotz unserer nicht ganz einfachen Situation, haben wir ein waches Auge auf die Ereignisse in Hamburg und sind entsetzt. Ich selber bin nicht vor Ort, aber andere sind es. Birte hat in ihrem Heimathafen, einen Beitrag geschrieben, der mir sehr aus der Seele spricht. https://hamburgerzwischenloesung.wordpress.com/2017/07/06/warum-ich-dagegen-bin/

Ich drücke die Daumen, dass es heute friedlich bleibt,

Heute geht es nach Gaarden, der Beginn der Schreibwerkstatt ist schon wieder verschoben worden, aber es gibt auch so einiges dort zu erledigen. Ich brauche Lokalkolorit, um Charlotte und Adele zu akutalisieren und vorher muss ich zum Optiker, ich brauche eine neue Brille. Mittlerweile bin ich nicht nur weitsichtig, sondern auch kurzsichtig. Es muss das Alter sein, von dem alle reden.

 

Ein merkwürdiger Geburtstag

Tod Arosenius

Heute hat der Herr Schwager Geburtstag und wir sind mit Kuchen und Kaffee im Hospiz angerückt. Als ich ihn sah, musste ich daran denken, was ich heute Morgen, als Kommentar bei der Wildgans zum Wort des Tages „July“ geschrieben haben: „Der Anfang vom Ende“. Es scheint nun recht schnell zu gehen. Linksseitig ist der Lymphknoten am Hals stark geschwollen, gut Kinderfaust groß ist das Teil, und er hat schon wieder Schwierigkeiten beim Wasserlassen. Morgen kommt die Urologin. Der Arzt im Hospiz meinte zu uns, dass er Anfangs nicht verstehen konnte, wieso Dieter mit einem Dringlichkeitsattest geschickt wurde, doch nun sieht er selber, dass er rapide verfällt.

Rotfinger

Wir haben trotzdem versucht gute Laune zu verbreiten, haben den Tisch, mit sehr netter Unterstützung des Personals, hübsch gedeckt und sogar ein Glas Sekt mit ihm getrunken. Dieters Freundin hat ihm Schubert und Bach auf dem Klavier vorgespielt und er hat sich von Viktor gewünscht, dass er die Gitarre mitbringt und ihm Bach Bouree vorspielt. Das Stück hat Viktor auf der Beerdigung seiner Mutter gespielt.

Viktor und ich haben allerdings drei Geburtstagskarten verschrieben, bevor wir etwas Herzliches, aber doch Neutrales hinbekommen haben. Ist gar nicht so einfach, wenn man weiß, dass es der letzte Geburtstag sein wird.

Im Augenblick kriege ich mich kaum ein, und mir stehen die Tränen in den Augen. Morgen muss ich auch noch mit Suka zum Tierarzt. Die Lymphknoten in den vorderen Achselhöhlen sind geschwollen. Das lässt auch nichts Gutes befürchten. Bestenfalls ist es einfach was Teures.

Das obere Foto zeigt übrigens ein Bild des unvergleichlichen Ivar Aroesenius. Zu jeder anderen Zeit wäre es als Geburtstagskarte für Dieter geeignet gewesen, noch letztes Jahr hätte er sich köstlich darüber amüsiert. Diesmal konnten wir es nicht über uns bringen.

Ich habe ja immer behauptet, dass 2016 ein Arschlochjahr ist. Die erste Hälfte 2017 verdient schon das Prädikat Arschlochjahr-plus.

 

Ein Kessel Buntes

Bunt

Es bleibt bunt im Hause Braun. Nach zwei sehr erholsamen Tagen ging es heute wieder in die schwägerliche Höhle. Diese Wohnung deprimiert mich so sehr. Dieses Anhäufen von nutzlosen Dingen. Welcher Mensch braucht 25 Jogginghosen? Immer noch finden wir Lebensmittel, die entsorgt werden müssen. Lange konnte ich mich dort nicht aufhalten. Macht aber nichts. Wir haben einen ganzen Teil fortgeschafft und einiges an Papierkram erledigt, wie etwa Versicherungen und Abos kündigen. Morgen gehen wir ihn besuchen und bringen noch diverse Sachen vorbei.

Leider ruht alles sonst. Sicher, die eigentliche Arbeit in der Wohnung und zur Müllverwertung fahren, ist relativ schnell erledigt, aber sie schafft auch. Wenn wir zurück sind, wünschen wir uns nur noch Erholung. Heute morgen habe ich noch einen Apfelkuchen gebacken, dem nehmen wir morgen mit. Braun sen. behauptet zwar immer, dass er nichts essen mag, allerdings haben wir bemerkt, dass sich das nicht auf Sachen bezieht die er gerne isst und meinen Apfelkuchen mag er sehr. So wird denn auch sein Geburtstagsgeschenk ein kulinarisches sein. Er wird am nächsten Montag 79 und da bekommt er Maultaschen mit Kartoffelsalat.

Dampfer

Am Freitag gibt es Geld und da werde ich mir endlich eine Buskarte holen, die gilt auch für die Fördedampfer und dann werde ich mindestens einmal die Woche einen Ausflug machen.

Bürokratenhochzeitstag

russiches Kästchen

Heute jährt sich unser Bürokratenhochzeitstag zum 10. Mal. Wie doch die Zeit vergeht. Wir haben dieses offizielle Verbandeln auch nicht so ernst genommen, weil es letztlich egal war, dass wir zusammenbleiben wollen, war eh klar. Warum wir den Schritt überhaupt gemacht haben, nun, dass hatte einen ernsteren Grund. Meine Tochter war damals in Frankreich, mit meiner Familie bin ich nicht so dicke und es stand an, dass ich vielleicht für eine größere Sache ins Krankenhaus müsste. Da wollte ich die Sicherheit haben, dass im Falle des Falles jemand bestimmt, wie es weitergeht, der mich kennt. Trotz Patientenverfügung wird der offizielle Ehepartner da noch immer ernster genommen, als ein Lebensgefährte. Lustig war, dass unsere Trauzeugin sehr vergrätzt war, weil Viktor und ich so rumgealbert haben. Sie fand es sei eine heilige Handlung und wir fanden es einfach lustig, besonders, weil wir schon beim Aufgebot stellen soviel Spaß hatten. Man muss da ja einen Beruf angeben und ich habe gesagt, Hexe. Darauf lief die Dame rot an und teilte mir mit, dass Hexe kein Beruf sei. Ich bestand drauf, dass es einer wäre, denn ich würde ja vom Arbeitsamt Geld für den Aufbau einer Selbsständigkeit als Hexe bekommen. Das stimmte übrigens. Jedenfalls schrieb sie es mit arg verkniffenen Lippen nieder und wandte sich Viktor zu. Der sagte, er wäre Musiker und Fotograf, worauhin die Dame zischte: „Hat denn keiner von ihnen, etwas Richtiges gelernt?“ Das war so drollig, ich hatte noch Tage Bauchschmerzen vor Lachen.

Litha 2017

Heute morgen bin ich früh hoch, nachdem ich eine von Albträumen gebeutelte Nacht hinter mir habe. Obwohl ich tagsüber sehr ruhig und vernünftig mit allem umgehe, scheint Dieters Sterben doch in mir zu rumoren und nachts suchen sich dann diese Gefühle Raum. Dazu noch die Wärme. Doch es hat natürlich auch seine Vorteile, wenn man so früh hochkommt. Ich habe die Zeit genutzt, um meinen Altar zur Sommersonnenwende aufzuhübschen.

Den Tatsachen ins Auge sehen

Den Tatsachen ins Auge

Zugegeben, es ist nicht immer leicht und oft genug möchte ich die Augen verschließen, aber was bringt das? Nichts! Also mit offenen Augen durch. Nicht immer schön. Im Augenblick ist es die Situation von Schwager Dieter, vor der wir die Augen nicht mehr verschließen können. Es geht dem Ende zu, zwar kann sich der Weg hinziehen, aber an Heilung glaubt mittlerweile niemand mehr. Habe ich allerdings von Anfang an nicht, dafür habe ich zu oft Krebspatienten begleitet. Doch irgendwie hofft man ja doch … Viktor meinte neulich mal wieder: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ (er neigt zu Platitüden, wenn er nicht weiter weiß) und ich dachte: Aber sie stirbt … und dann der Patient, Genau genommen also stirbt die Hoffnung zu vorletzt (ich neige dazu mich an Kleingkeiten aufzuhängen, wenn ich mich hilfos fühle).

Diese Hilflosigkeit ist es, die mir zur Zeit so zu schaffen macht. Wir sind uns einig, dass Dieter soviel Selbstständigkeit und Selbstbestimmung wie möglich behalten soll. Doch wo ist die Grenze? Ab wann sind wir gefragt, uns einzuklinken? Ich zum Beispiel denke, er sollte nicht mehr Autofahren, weiß aber, dass es für ihn ein letztes Stück Freiheit ist. Da frage ich mich: Kann ich mich darauf verlassen, dass er seine Grenzen erkennt? Oder die Sache mit der Nachlassregelung, es wäre wichtig, dass er sich da kümmert, aber diese Sachen, will er nicht angehen , weil er sich dann der Tatsache wirklich sterblich zu sein stellen muss. Patientenverfügung ist auch so ein Thema. Wäre wichtig, besonders jetzt. Es ist nervig und anstrengend, um Sachen, die eigentlich für jeden verantwortungsbewussten Menschen selbstverständlich sein sollten, zu ringen. Ich mag gar nicht dran denken, was auf uns zukommt, wenn solches nicht im Vorwege geregelt wird.

Bleiben wollen?

Nekropolis

Heute ging es einmal wieder auf den Südfriedhof. Diesmal sind wir nicht die übliche Runde gegangen, sondern ein wenig querbeet herumgeströmert. Plötzlich stand ich vor einem eingezäunten Familiengrab von gewaltigen Ausmaßen, mit einem Marmormonument darauf, auf dem stand: Wir haben eine bleibende Ruhestätte! Der Text und die Anlage hätten etwas Endgültiges. So in der Art: Wir gehen hier nicht weg! Sofort dachte ich: Würde ich das wollen? Um jeden Preis bleiben? Selbst tot noch so ein Anwesenheitssignal hinterlassen? Nein, möchte ich natürlich nicht! Ich finde den Gedanken schön mich irgendwann aufzulösen und zu verschwinden. Das hat natürlich nichts damit zu tun, dass ich mir nicht wünsche, dass man sich meiner erinnert. Selbstverständlich wäre ich froh, wenn meine Enkelinnen noch manchmal an mich denken würden oder die Menschen, die mich im Leben gekannt haben. Aber Monumente müssten wahrlich nicht von meinem Dagewesensein zeugen.

DSCF6661_v2

Dieser Gedanke des sich auflösend, irgendwann, beschäftigt mich besonders seit ich Grabgeflüster von Martín Ó Cadhain gelesen habe. Ein wunderbares Buch, dessen Protagonistinnen allesamt tot sind und nun in der Friedhofserde unruhen, denn von Ruhe kann da keine Rede sein. Es geht weiter wie gehabt, die alten Fehden werden gepflegt, es wird sich an Gutes und Schlechtes erinnert. Nee, so soll es nicht sein. Wenn es bei mir so weit ist, soll mein Körper verbrannt werden und die Asche soll in die Ostsee, dort kann sie sich dann auflösen, während sich mein Geist in der universellen Ursuppe auflöst und dort wenns gut kommt, ein wenig zur Würze beiträgt. Wozu ich allerdings gar keine Lust habe, mich nach buddhistischer Manier tagtäglich im Sterben zu üben. Früher oder später hat das meines Wissens nach noch jeder ohne Trockentraining hinbekommen.

Ich denke oft über den Tod, die Vergänglichkeit und das Sterben nach. Aber nicht Angst erfüllt. Sicher habe ich Angst vor Siechtum und Schmerzen, aber vor dem Sterben? Nein! Die Existenz einer Hölle bezweifele ich stark und die Sache mit der Wiedergeburt auch. Es kann natürlich sein, dass ich mich da irre … ich bin wahnsinnig gespannt, wie es denn nun wirklich ist mit dem totsein.