Die Sache mit den Vorurteilen

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Während der Bahnfahrt nach Schleswig, bin ich mir selber unangenehm aufgefallen. Und zwar dergestalt, dass ich manchmal ein ziemlicher Snob bin. In die Bahn stieg eine Familie, zwei Jugendliche zwischen 14 und 16, ein Kleinkind so um die 3, ein weiteres 6 Jahre würde ich sagen, Mutter schon etwas älter, der Vater auch und dieser gehbehindert. Man erster Gedanke (und ich bin nicht stolz drauf): ‚Oh man, die Flodders!‘ Sie waren alle sehr laut, die Mädchen stark geschminkt und die Eltern sahen recht fertig aus …  kleidungsmäßig, nun ja, man hat Schöneres gesehen. Um den Eindruck abzurunden, öffneten sie gleich nach Reisebeginn zwei Gläser Würstchen und mümmelten diese weg. Ich sass so, dass ich die Leutchen im Blick hatte und stellte fest, dass sie sehr liebe- und respektvoll miteinander umgingen. Auf Telefone wurde nur mal kurz geguckt oder um etwas zu zeigen. Ansonsten unterhielt man sich miteinander, lachte und die Kindern kümmerten sich sehr liebevoll um den, wie es schien, nicht nur gehbehinderten Vater. Also einfach eine nette Familie, die keinesfalls in die Schublade gehörte, in die ich sie auf den ersten Blick sortiert hatte.

Wie es meine Art ist, hielt ich mich nicht lange mit Schuldgefühlen auf, sondern analysierte mein Verhalten. Was brachte mich dazu ein Urteil über Menschen zu fällen, die ich gerade einmal eine halbe Minute gesehen hatte? Mir fiel auch auf, dass es öfters passiert, dass ich in Sekunden ein Pauschalurteil fälle, das meistens irgendein Klischee wiederspiegelt, aber nicht meine eigentliche Meinung. Vieles ist, glaube ich, übernommen. Meine Mutter war eine große Aburteilerin. Sie hatte immer schnell eine Schublade für alle und jeden, mein Vater auch, allerdings war er in der Lage sein Urteil zu revidieren.

Mich treibt nun die Frage um, warum mache ich das? Es entspricht mir doch nicht. Ich lebe im Allgemeinen nach dem Grundsatz: Leben und Leben lassen! … und doch sind da diese Momente, in denen ich Vorurteile habe. Sicher, der nächste Gedanke ist meistens: ‚Halt Stop! Was denkst du da eigentlich? Das ist doch nicht wirklich deine Meinung!‘ und ich hoffe zutiefst, dass das so stimmt.

 

4 thoughts on “Die Sache mit den Vorurteilen

  1. Das ist ein interessantes Thema, welches du da anschneidest. Ich finde das gut, wenn du deine eigene Meinung immer mal überprüfst. Wie viele tun das nicht? Die Schubläden werden auch in der öffentlichen Meinung sehr gepflegt, denn Schubläden lassen sich besser beherrschen als ein ganzer Schrank voller unterschiedlicher Sachen.
    Ich kämpfe auch ganz oft mit diesem Thema, wenn auch etwas anders. Manchmal fällt mir auf, dass ich mich selbst immer mehr zurückziehe. Du gehörst da nicht dazu, sage ich mir dann und frage mich im gleichen Moment, wo ich denn dazu gehöre oder das möchte. Da suche ich noch. (Der gestrige Pflichtbesuch beim Amt der Ämter tut da auch nicht gerade gut.)
    Meine Mutter war übrigend auch ein eifriger Schubladendenker. Und wenn ich etwas dagegen sagte, musste ich feststellen, dass sie mich auch schon längst einsortiert hatte. „Du kommst aus einer großen Stadt. Ihr seid doch sowieso alle verrückt.“

    1. Mich treibt das Thema schon länger um. Das auf der Bahnfahrt, hat mich nur dazu gebracht, dass ich einmal genauer hinschaue. Eben auch auf mich. Vielleicht sind Vorurteile, also dieses schnelle in eine Schublade sortieren, ein Urinstinkt, um sich vor Gefahren zu schützen und vielleicht braucht man da grobe Überkategorien, ich weiß es nicht. Denke aber, vielleicht sollte man das Überdenken des zuerst Gedachten kultivieren. Ich glaube das ist ein wichtiger Punkt. Das Amt der Ämter steht mir auch ins Haus. So nervig. Alles Liebe Karin

  2. hm ja da bin ich auch nicht frei von
    wobei ich meine flodders von herzen liebe
    das schubladeneinsortieren ist bei uns zuhause auch grundlage

  3. Ich würde mal fast behaupten, das niemand von uns so ganz frei davon ist… ich erwische mich auch schon mal dabei und dann geht es mir wie Dir… ich packe mich selber am Schopf. Wenn wir es erkennen, ist es schon viel wert, denke ich. Ich bin allerdings auch peinlich berührt von mir selber, wenn ich mich bei solchem Schubladendenken erwische.

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