Ins Gleichgewicht kommen

100farbspiele_wolle

Obwohl noch viel zu tun ist, sind wir dabei wieder in den Alltag zu finden. Doch das Gleichgewicht ist ziemlich erschüttert und es tut Not wieder in die Mitte zu finden. Also habe ich Wolle und Moleskinehefte besorgt. Normalerweise schreibe ich meine Sachen in normalen Collegeblogs, aber außergewöhnliche Zeiten brauchen das Besondere. So habe ich denn die Wolle nicht einfach beim Dealer um die Ecke gekauft, sondern unseren Ausflug nach Kappeln genutzt, um mir die 100farbspiele anzusehen, wo ich natürlich auch etwas gekauft habe. Einmal einen Bobbel-Unikate für ein Dreiecktuch und eine Hanf-Sockenwolle.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Der Laden ist wirklich etwas besonderes und die Bedienung ist äußerst nett und hilfreich.

Es war ein schöner kleiner Ausflug. Wir hatten Suka mitgenommen, die ganz außer sich vor Glück war, dass sie ein wenig mehr von der Welt sehen konnte, als Kiel. Nun liegt sie zufrieden auf der Couch, während ich gleich unter die Dusche hüpfe und dann beginne zu häkeln.

Morgen ist ein ruhiger Tag geplant. Ich werde wieder beginnen Morgenseiten zu schreiben, da will einiges raus.

Selent ohne See

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Gestern haben wir uns zu einem Spontanausflug entschlossen. Es sollte an den Selenter See gehen. Da ich mich auf den Orientierungssinn meines Mannes verlassen habe, der nur sehr rudimentär vorhanden ist, also der Orientierungssinn, nicht der Liebste, blieb es bei einem Waldspaziergang. Nach zwei Stunden herumtappern, ging es zurück nach Hause, auf der Rückfahrt fanden wir auch den See, hatten aber nicht einmal mehr Lust auszusteigen, um ein Foto zu machen. Warum falle ich immer wieder darauf rein und denke, er wird es schon wissen? Allmählich sollte mir doch bewusst sein, dass Herr Braun, einfach keinerlei Sinn für Richtungen und Entfernungen hat. Es war aber trotzdem schön. Immer wenn mal etwas seeähnliches durch das Gehölz blitzte haben wir uns vorgestellt, dass der See vielleicht nur ein Hologramm ist, mit dem Touristen gelockt werden. Denn sonst hat Selent nicht wirklich viel zu bieten, außer dass es in einer landschaftlich sehr attraktiven Gegend liegt..

DS_Gittermuster

Abends habe ich dann angefangen meinen Poncho zu stricken und heute morgen wurde ein neues Tuch angeschlagen. Das Muster ist so einfach, dass sogar ein Häkeldummie wie ich es hinbekommt. Vor allem macht es Spaß und ich brauche nicht so aufzupassen, wie bei der Strickerei, der ich mich am Abend widmen werde. Erst einmal geht es ins Hospiz. Mal sehen, wie es dem Herrn Schwager so geht.

Nächste Stufe: Zu schwach für Besuch

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Gestern konnten wir das erste Mal nicht zu Dieter. Wir waren bereits im Hospiz und wurden vom Pflegepersonal informiert, dass er sich nicht in der Lage fühlt Besuch zu empfangen. Wir rufen nicht mehr direkt bei Dieter an, weil er kaum noch das Telefon abnimmt und weil das dauernde Klingeln doch stören würde, sind aber mit den Schwestern so verblieben, dass wir im Stationszimmer anrufen, ob Besuch genehm ist. Eben habe ich mit einer Schwester gesprochen und die berichtete, dass er neben dem Essen und Trinken nun auch die Pflege abgelehnt hat. Er scheint nur noch Ruhe zu wollen … und die soll er haben.

Viktor und ich sind sehr dünnhäutig zur Zeit und haben es besonders schwer mit Dieters Freundin zu kommunizieren, die irgendwie nicht zu begreifen scheint, dass er sich bewusst dazu entschieden hat, nicht mehr zu essen und zu trinken. Seine und Viktors Mutter hat es genau so gehalten. Die haben wir Drei ja vor 12 Jahren in den Tod begleitet. Das war eine sehr intensive Zeit, in der Dieter und ich uns sehr nahe gekommen sind. An diese Wochen denke ich viel zur Zeit. Auch damals war es dieser komische Zwischenzustand. Dieses auf der Türschwelle stehen. Es ist als wenn alles in Slow Motion geschieht. Der Alltag plätschert so vor sich hin. Wir arbeiten nur reduziert, machen ihr Dinge die uns gut tun, wie spazierengehen, fotografieren und Handarbeiten. Letzteres wird allmählich zur Sucht. Gestern habe ich mir die Wolle für meiner Winterjacke geholt. Eher ein Poncho. Wer mal gucken will, hier bei Drops Design. Ich habe allerdings eine andere Wolle genommen, als die vorgegebene.  Auch habe ich zu Häkeln begonnen. Mein erstes Dreieckstuch im Muster Halfgranny mit schmalem Spitzenrand ist fertig. Ich bin schon sehr stolz.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die Spitzenkante sollte eigentlich üppiger, aber dafür reichte die Wolle nicht. Ich bin auch so zufrieden und werde gleich das nächste in Angriff nehmen. Ich habe fest gestellt, dass die Chance etwas fertig zu bekommen, bei mehreren Projekten gleichzeitig größer ist und ich hab die Hände beschäftigt. In Zeiten wie diesen, ist immer die Gefahr groß mit dem Rauchen anzufangen.

Selena ist in Kiel gelandet

Mohnwolle

Heute haben wir Selena abgeholt. Das war viel Fahrerei, aber auch viel Spaß. Ein Kind, dass gleich nach dem Losfahren einstellt und direkt vor der Haustür fragt: „Sind wir schon da?“, dass ist Luxus. Ihre Mutter hat früher alle drei Meter gefragt. Überhaupt war es schön Jenni zu sehen und auch die kleine Enkeltochter. Melinda bleibt ja bei ihrer Mutter, während wir hier elf Tage mit Kind machen.

Außerdem habe ich ein neues Hobby, ich häkele Dreieckstücher. Aus dem Knäuel oben soll dieses Tuch entstehen:

 

Gewohnheiten verändern geht weiter

Das Projekt Gewohnheiten verändern geht weiter. Morgens nicht mehr bereits am Bette mal bei Facebook gucken klappt gut. Überhaupt ist das bei Facebook rumhängen, das Nächste, das ich reduzieren will. Dabei muss ich berücksichtigen, dass ich viel und gerne dort bin um Candy Crush Saga zu spielen. Dabei kann man schön abschalten, hängt aber nach wie vor, vor dem Monitor. Da ich aber abseits vom Lesen, wo mit ich neben dem Schreiben und den Alltagsdingen, die meiste Zeit des Tages beschäftigt bin, etwas brauche, bei dem ich meine Gedanken treiben lassen kann und meine Finger beschäftigt habe, werde ich wieder mehr stricken. Die letzte Aufräumaktion hat es ja gezeigt, Wolle ist nun wahrlich reichlich vorhanden. Eine Neuanschaffung musste allerdings sein, ich habe mir einen Nadelwächter gekauft. Einen sehr schönen finde ich.

So geht es also langsam aber sicher weiter, mit dem verändern und es tut mir gut. Gerade befinde ich, respektive befinden wir uns, in einer Phase gewaltiger Veränderungen. Wir sind dabei zu akzeptieren, dass D. bald nicht mehr sein wird. Er steht nun auf der Warteliste für einen Hospizplatz und wird dort noch weiter vorrücken, sowie er ein Dringlichkeitsattest hat. Das ist sowohl für ihn, als auch für uns eine  enorme Erleichterung. Doch sowie er umgezogen ist, beginnt bereits die Auflösung seiner weltlichen Habe. Seine Wohnung muss geräumt und Vorkehrungen getroffen werden. Viktor trifft es gerade besonders hart. Er hängt sehr an seinem großen Bruder und es fällt ihm sehr schwer, ihn so zu sehen. Auch bei mir löst es so einige Gedanken aus. Woran liegt es, dass ich so oft dabei bin, Menschen in den Tod zu begleiten? Meine ersten Schwiegereltern, davor eine Schulfreundin, die sehr jung an Krebs starb, Viktors und Dieters Mutter … es häuft sich. Habe ich ein besonderes Talent für Trauerbegleitung und Händchenhalten während der letzten Stunden? Oder hat es einfach damit zu tun, dass ich mich nicht zurückziehe, sondern es als meine Aufgabe betrachte, gemäß des alten (laut Terry Pratchett) Hexengrundsatzes: Mach die Arbeit, die vor dir liegt?