Ins Gleichgewicht kommen

100farbspiele_wolle

Obwohl noch viel zu tun ist, sind wir dabei wieder in den Alltag zu finden. Doch das Gleichgewicht ist ziemlich erschüttert und es tut Not wieder in die Mitte zu finden. Also habe ich Wolle und Moleskinehefte besorgt. Normalerweise schreibe ich meine Sachen in normalen Collegeblogs, aber außergewöhnliche Zeiten brauchen das Besondere. So habe ich denn die Wolle nicht einfach beim Dealer um die Ecke gekauft, sondern unseren Ausflug nach Kappeln genutzt, um mir die 100farbspiele anzusehen, wo ich natürlich auch etwas gekauft habe. Einmal einen Bobbel-Unikate für ein Dreiecktuch und eine Hanf-Sockenwolle.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Der Laden ist wirklich etwas besonderes und die Bedienung ist äußerst nett und hilfreich.

Es war ein schöner kleiner Ausflug. Wir hatten Suka mitgenommen, die ganz außer sich vor Glück war, dass sie ein wenig mehr von der Welt sehen konnte, als Kiel. Nun liegt sie zufrieden auf der Couch, während ich gleich unter die Dusche hüpfe und dann beginne zu häkeln.

Morgen ist ein ruhiger Tag geplant. Ich werde wieder beginnen Morgenseiten zu schreiben, da will einiges raus.

Trauerfeier

heaven

Nun haben wir einen weiteren Meilenstein in Sachen Abschied hinter uns gebracht. Heute war die Trauerfeier. Wir haben uns sehr gefreut, dass so viele gekommen sind, besonders dass einige der politischen Weggefährten sich von weit her aufgemacht hatten. Es war eine schöne Feier, kein Brimborium, 3. Satz aus Beethovens 5. Sinfonie zur Einleitung, dann die Rede von Helmut Sturmhöbel, der ein gutes Gleichgewicht zwischen den sehr entgegen gesetzten Elementen in Dieters Leben gefunden hat und berührende Worte fand. Danach noch einmal Musik Händels Largo aus Xerxes.

So wunderschön. Nach dem Kaffeetrinken ging es denn nach Hause und uns ist auch nicht nach Ausgehen heute. Morgen werden wir vielleicht eine kleine Tour machen, aber so genau wissen wir es noch nicht. Nach all den strikten Terminen und Pflichten, mit denen es ja nächste Woche weitergeht, werden uns ein paar Tage einfach rumdümpeln gut tun.

Passend zum Ende des Tages hat es zu regnen begonnen. Ich denke ich gehe heute früh zu Bette.

Angeschlagen und auf Autopilot

Angeschlagen

Bis dato war es eine anstrengende Woche und ich habe auf Autopilot umgeschaltet. Aber es sind die wichtigsten Termine, bis auf die Trauerfeier, abgearbeitet. Heute morgen sind wir früh los und haben unsere neuen Ausweise abgeholt, gestern haben wir mit dem Entrümpler gesprochen, der bereits nächsten Dienstag tätig werden will. Da kriegte der Liebste einen Anfall von „aber-wir-können-doch-nicht-Dieters-Sachen-so-schnell-weggeben“. Beruhigte sich aber einigermaßen zügig wieder, nachdem ich ihn mir zur Brust genommen habe und nun wird es wie geplant von Statten gehen. Es geht nicht an, dass wir da ein Museum erhalten, und es geht auch nicht an, dass mehr und mehr Sachen hier  landen. Es wird Zeit, zumindest in der Wohnung, einen Abschluss zu finden. Viktor weiß das auch, vom Kopf her, doch gefühlsmäßig ist es eben hart, was ich ja auch verstehen kann, aber einer muss einen klaren Kopf behalten und eben manchmal auch ein Machtwort sprechen. Es gibt allerdings Momente, da wünsche ich mir, ich könnte es sein, die sich ihren Gefühlen überlässt und jemand anders könnte vernünftig sein.

Morgen ist also die Trauerfeier und danach noch Kaffeetrinken und funktionieren. Dann nach Hause und sehen, wie es weitergeht. Wir haben einige ruhige Tage vor uns, an denen wir uns verbarrikadieren oder ein wenig rausfahren werden. Ans Wasser ist ja immer gut für die Seele oder nach Kappeln, dort gibt es einen Wollladen, der ein recht interessantes Angebot hat. Außerdem ist Kappeln immer schön.

 

Fotografieren geht immer

Der Liebste

Heute haben waren wir mit Suka im Tannenberger Gehölz und haben fotografiert. Das geht irgendwie immer. Da kann man noch so traurig, noch so bedrückt sein. Uns hat die Runde sehr gut getan. Danach haben wir geräumt. erst einmal in unserer Wohnung, denn da noch ein zwei Teile aus Dieters Wohnung zu uns sollen, brauchen wir Platz. Unter anderen bekomme ich ein Nähtischen, dass bereits meiner Schwiegermutter gehört hat, die in Heimarbeit Trikotagen genäht hat. Das hätte ich schon gerne vor 12 Jahren bekommen, aber da war Dieter schneller und ich habe es ihm auch gegönnt.

Eigentlich wollten wir heute noch viel mehr schaffen, doch wir sind geschafft. Macht nichts. Heute morgen haben wir fein ausgeschlafen. Das erste Mal seit Wochen wieder.

Mir graut allerdings vor der Zeit nach der Trauerfeier und nach dem Räumen der Wohnung, erfahrungsgemäß funktioniere ich in Zeiten der Not wundervoll … und breche zusammen, wenn alles geregelt, alles getan ist. Dann geht es meistens in ein tiefes Loch. Mal sehen in wie weit ich da vorbeugen kann.  Erste Anzeichen machen sich schon bemerkbar. Wird Zeit das ich zum Schreiben komme.

Das Ende ist nahe

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Heute waren wir nur kurz im Hospiz. Dieter ging es so schlecht, dass er seine Ruhe wollte, also sind wir gegangen, haben aber vorher noch mit der Schwester gesprochen, die sagte, was ich schon wusste: Dass es nun nicht mehr lange dauern wird. Natürlich war das die ganze Zeit klar, aber man gewöhnt sich so an die Routine, auf Besuch zu fahren und irgendwann ist man überrascht, dass es nun wirklich zu Ende geht. Ich muss gestehen, mir graut vor der Zeit „danach“, vor den ganzen Dingen, die erledigt werden müssen und vor allem vor den Auseinandersetzungen mit seiner Freundin, die sich auch im Hospiz bereits unbeliebt gemacht hat. Man bat uns heute doch einmal mit ihr zu reden, dass sie nicht so eine Unruhe verbreiten soll, sondern einfach seine Hand halten und da sein. Was natürlich für eine, die sich für die Hauptleidtragende in dem Drama hält und nicht den Sterbenden, unmöglich ist. Viktor hat versucht es ihr zu verklickern, doch ich befürchte, die Botschaft ist nicht angekommen. Ich hoffe wir kriegen die Beerdigung und die Trauerfeier ruhig über die Bühne und die Situation eskaliert nicht.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Im Anschluss ans Hospiz waren wir eingeladen bei einer lieben Freundin und haben schön in der Sonne gesessen und geklönt. Da gab es auch lecker Kuchen, den ich leider nicht fotografiert habe. Nächstes Mal.

 

Hekate – an der Wegkreuzung

Hekate

In letzter Zeit ziehe ich dauernd Hekate als Tageskarte. Die Wegkreuzung, es wird also Zeit Entscheidungen zu treffen, wie es weitergehen und vor allem wohin es gehen soll. Hatten heute ein ernstes Gespräch und eine Entscheidung ist gefallen. Da es noch ein wenig Finetuning braucht, dazu später mehr. Erleichterung und Trauer halten sich die Waage. Also einen Weg haben wir ausgesondert. Doch wo soll es hingehen. Ich glaube ich halte es mit Robert Frost:

Im Wald zwei Wege boten sich mir dar,

ich nahm den, der weniger betreten war,

und dies veränderte mein Leben.

Eine Empfehlung die diese Karte hat, ist, wage den Sprung ins Leere.

Die tägliche Routine

leuchter

Während unser Alltag sonst eher von Büchern, Musik und Hundespaziergängen bestimmt war, sind es jetzt die Besuche im Hospiz, die Fahrten in die Messihölle und Seelenstreichler, wie Ausflüge und Kuchenessen.

Heute war es im Hospiz besonders anstrengend, obwohl wir Dieter es ein wenig bequemer machen konnten, er hat sogar ein wenig getrunken, atmet aber extrem schwer und man hat den Eindruck, jeder Atemzug könnte der Letzte sein. Das dem nicht unbedingt so sein muss, ist klar, nur man wünscht es ihm … und ja, auch uns.

Heute war es besonders wichtig, dass wir noch etwas Schönes machen, bevor es zurück nach Hause ging, also haben wir ein altes Lieblingscafé von uns besucht. Das ist nun allerdings von der Lieblingscaféliste gestrichen, ob seiner neuerdings horrenden Preise. War aber gut noch mal da gewesen zu sein. Nun sind wir wieder daheim und lassen es uns gut gehen, soweit es geht.

Die Sache mit Dieter, diese Phase des Abschieds hat auch noch einiges andere in Gang gesetzt, es gibt noch so einiges mehr, von dem wir uns verabschieden müssen … sollten. Es ist Zeit einige aufgeschobene Veränderungen anzugehen. Noch tue ich mich schwer, aber es muss wohl sein.

… und nachmittags in die Messihölle

Vogelbeeren.JPG

Es ist an der Zeit die Wohnung des Herrn Schwager abzugeben. Nicht unmittelbar, aber innerhalb der nächsten Wochen. Also waren wir heute noch einmal da. Ich mag kein Bild von der Behausung beilegen, nur so viel, immer wenn ich dort war, kehre ich deprimiert zurück. Ich denke wir brauchen noch eine Tour, dann können wir die Entrümplungsfirma kommen lassen und die Wohnung übergeben, sowie Dieter tot ist. Klingt irgendwie nicht nett, ist aber durchaus so gemeint. Wir müssen da schnell einen Abschluss haben. In der Wohnung wird uns so vieles bewusst, was wir nur latent ahnten und das ist so traurig. Auch sind wir in der Wohnung, innerhalb kürzester Zeit so genervt, dass der Ton deutlich unfreundlicher wird. Noch schlimmer, denn der Ton wird ja schnell wieder versöhnlich, ich habe immer das Gefühl mich belohnen zu müssen, wenn ich einige Stunden in der Hütte war. Dann gibt es Schokolade, Eis oder Marshmellows und an extremen Tagen Buttercreme Torte. Geht gar nicht, jedenfalls nicht in diesen Mengen.

Nun sind wir wieder zu Hause und mit ein wenig Glück gibt es gleich Abendessen, hoffentlich bevor ich mir die zweite Tafel schnappe.

Übrigens, ich möchte kein Bild von der Wohnung posten, ist schon deprimierend genug, sich dort aufzuhalten.

Nächste Stufe: Zu schwach für Besuch

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Gestern konnten wir das erste Mal nicht zu Dieter. Wir waren bereits im Hospiz und wurden vom Pflegepersonal informiert, dass er sich nicht in der Lage fühlt Besuch zu empfangen. Wir rufen nicht mehr direkt bei Dieter an, weil er kaum noch das Telefon abnimmt und weil das dauernde Klingeln doch stören würde, sind aber mit den Schwestern so verblieben, dass wir im Stationszimmer anrufen, ob Besuch genehm ist. Eben habe ich mit einer Schwester gesprochen und die berichtete, dass er neben dem Essen und Trinken nun auch die Pflege abgelehnt hat. Er scheint nur noch Ruhe zu wollen … und die soll er haben.

Viktor und ich sind sehr dünnhäutig zur Zeit und haben es besonders schwer mit Dieters Freundin zu kommunizieren, die irgendwie nicht zu begreifen scheint, dass er sich bewusst dazu entschieden hat, nicht mehr zu essen und zu trinken. Seine und Viktors Mutter hat es genau so gehalten. Die haben wir Drei ja vor 12 Jahren in den Tod begleitet. Das war eine sehr intensive Zeit, in der Dieter und ich uns sehr nahe gekommen sind. An diese Wochen denke ich viel zur Zeit. Auch damals war es dieser komische Zwischenzustand. Dieses auf der Türschwelle stehen. Es ist als wenn alles in Slow Motion geschieht. Der Alltag plätschert so vor sich hin. Wir arbeiten nur reduziert, machen ihr Dinge die uns gut tun, wie spazierengehen, fotografieren und Handarbeiten. Letzteres wird allmählich zur Sucht. Gestern habe ich mir die Wolle für meiner Winterjacke geholt. Eher ein Poncho. Wer mal gucken will, hier bei Drops Design. Ich habe allerdings eine andere Wolle genommen, als die vorgegebene.  Auch habe ich zu Häkeln begonnen. Mein erstes Dreieckstuch im Muster Halfgranny mit schmalem Spitzenrand ist fertig. Ich bin schon sehr stolz.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die Spitzenkante sollte eigentlich üppiger, aber dafür reichte die Wolle nicht. Ich bin auch so zufrieden und werde gleich das nächste in Angriff nehmen. Ich habe fest gestellt, dass die Chance etwas fertig zu bekommen, bei mehreren Projekten gleichzeitig größer ist und ich hab die Hände beschäftigt. In Zeiten wie diesen, ist immer die Gefahr groß mit dem Rauchen anzufangen.

Lammas – Die Zeit der Schnitterin

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Heidnisch gesehen beginnt heute der Herbst. Lammas ist das erste Erntefest. Zeit zu überdenken, was es los zu lassen gilt und wofür Raum geschaffen werden soll. Ich merke den Jahreskreis immer stärker in meinem Körper, in meiner Seele. Gerade jetzt, wo ohnehin so vieles zu überdenken ist, bin ich dabei noch mehr nach innen zu gehen und eine Bestandsaufnahme zu machen. Keine Frage, bis dato hat mich das Jahr fix gebeutelt und ich bin erschöpft. Den heutigen Tag habe ich wahrlich genossen, nirgends hin müssen, keine Verpflichtungen haben. Einfach vor mich hinpusseln. Ein zwei Rezensionen zu CDs schreiben, kochen, mit dem Liebsten im Garten den Rest Pflaumenkuchen essen, häkeln und gleich noch lesen. Bewusst mal nicht imHospiz anrufen, darauf vertrauen, dass wir schon Bescheid kriegen, wenn es etwas zu berichten gibt. Das ist überhaupt ein Thema: Kontrolle abgeben! Einfach mal abwarten was geschieht und sich für neue Möglichkeiten offen halten. Ich glaube das wird ein Thema für die nächsten Wochen sein … und natürlich weiter ausmisten. Seelisch und physisch.

Ich bin trotz allem Stress, sehr dankbar für dieses Jahr. Klingt komisch, nachdem ich mich gerade beschwert habe, dass es mich so sehr gebeutelt hat, ist aber so. Ich habe entdeckt, dass ich sehr belastbar sein kann, dass ich in den letzten Jahren gelernt habe, rechtzeitig die Bremse zu ziehen und mich nicht mehr schäme zu sagen: Es geht nicht mehr, kannst du mal übernehmen. Ich fühle mich wieder. Das ist gut.