Baba Yaga von Karin Braun

Diese Kurzgeschichte habe ich vor einigen Jahren geschrieben und mag sie immer noch. Da ich heute als Tageskarte „Baba Yaga“ (Göttinnengeflüster von Amy Maraschinsky und Hrana Janto) gezogen habe, dachte ich, ich stelle sie noch einmal online.

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Baba Yaga

In dem Dorf, aus dem sie kam, hieß es sie stünde mit Baba Yaga im Bunde. Als junge Frau zog ihre ungewöhnliche Schönheit die Menschen genau so an, wie sie ihr in sich gekehrt sein abstieß. Einerseits suchten sie ihre Nähe, als wenn etwas von ihrem Glanz auf sie abfärben könnte. Aber sie fanden sie auch merkwürdig. Eine junge Frau, die noch immer wie ein Kind in den Wald lief und dort … ja was dort? So richtig wusste es niemand. Sie hätte Ihnen sagen können, dass sie die Stille des Waldes und seine Gerüche zum Denken und träumen brauchte. Aber wer hätte das schon verstanden?

Als sie schließlich heiratete und Mutter wurde, hatte sie keine Zeit mehr in den Wald zu gehen. Dann konnte ihre Familie in dem Dorf nicht mehr leben und ging fort, in ein anderes Land. Dort, nicht einmal fünf Jahre nach ihrer Ankunft, starb der Mann und die Kinder verstreuten sich in alle vier Winde. Sie war wieder alleine, und nachdem sie sich an die Stille gewöhnt hatte, auch glücklich. Der Stadtteil, in dem sie lebte, war wie ein Dorf inmitten der Stadt. Es gab einen Wald, sicher nicht so groß wie der an ihrem russischen Dorf, aber es war ein Wald. Es gab einen See und an dem See lag ihr Garten, ein wenig außerhalb der anderen Gärten. Hier verbrachte sie von Frühjahr bis Herbst viel Zeit. Seit sie wieder in ihren Gedanken und Träumen leben konnte, war sie glücklich. Sicher, sie liebte ihre Kinder, die sie immer einmal baten, doch zu Ihnen zu ziehen, auch vermisste sie ihren Mann. Er war ein guter Mann gewesen. Er hatte immer für die Familie gesorgt und sie hatten oft miteinander gelacht. Wenn sie so in ihrem Garten saß, stellte sie sich oft vor, dass er nur kurz fortgegangen wäre, zu Besuch bei den Kindern oder auf Montage weilte. Dieses Leben in diesem fremden Land, in dem so vieles anders war, als in ihrer Heimat, war für sie ein gutes gewesen. Sicher sie war nicht reich, aber sie brauchte auch nicht zu hungern. Sie hatte ihren Garten, den Wald und eine kleine Wohnung. Mit ihren Nachbarn sprach sie nicht oft, entzog sich aber auch nicht. Sie war freundlich, drängte sich aber nicht auf.

Nur eine engere Freundin hatte sie. Rosa, die in demselben Dorf wie sie auf die Welt gekommen war. Rosa war das Gegenteil von ihr. Eine laute, fröhliche Frau, die viele Menschen kannte und immer wusste, was im Viertel los war. Rosa war es auch, die mit der Nachricht kam, die ihre kleine Welt ins Wanken brachte.

An einem Morgen kam die Freundin auf eine Tasse Tee zu ihr, und nachdem sie über dies und das geplaudert hatten, sagte sie plötzlich: »Hast du eigentlich schon gehört, dass sie das Gebiet in dem auch dein Garten ist, verkaufen wollen?«

Zuerst wusste sie gar nicht, was das bedeuten sollte. Wieso verkaufen? Sie hatte ihren Garten doch gepachtet, und wie die meisten ihrer Nachbarn hatte sie viel Arbeit, Liebe und Geld investiert, um ihn zu einem kleinen Paradies zu machen. Völlig perplex fragte sie: »Verkaufen? Wer will das Land verkaufen?«

Rosa seufzte ungeduldig: »Nun ja, die Stadt braucht Geld. Das Grundstück ist am See gelegen und ein Investor will dort Wohnungen bauen. Außerdem soll ein Einkaufszentrum entstehen.«

»Ein Einkaufszentrum und Wohnungen? Aber hier stehen doch so viele leer und Geschäfte gibt es doch auch genug.« Das stimmte, alles, was sie für den täglichen Bedarf brauchte, konnte sie in ihrem Stadtteil kaufen, und wenn es nötig war, Kleidung oder Geschenke für die Enkelkinder zu besorgen, konnte sie jederzeit mit dem Bus ins Zentrum der mittelgroßen Stadt am Meer fahren, wo es eine große Einkaufsstraße gab.

Rosas bitteres Lachen riss sie aus ihren Gedanken. »Klar stehen hier Wohnungen leer. Aber solche Wohnungen sollen dort ja nicht gebaut werden. Das, was da geplant ist, können Du und ich uns nicht leisten. Die wollen dort Luxusappartments bauen und einen Park um den See herum.«

Sie biss sich auf die Lippen und begann nervös in ihrer Tasse zu rühren. Das konnte doch nicht sein. Es war doch ihr Garten.

Rosa schimpfte: »Was rührst Du denn in deiner Tasse herum, da ist doch gar nichts mehr drinnen.« Die Freundin seufzte: »Ich weiß, dass es dich hart trifft. Aber da kann man nichts machen. Die da oben sitzen eh am längeren Hebel.«

Sie erhob sich und zog ihre Jacke an. An der Tür drehte sie sich noch einmal um und sagte tröstend: »Nun ja, näheres weiß ich auch nicht. Aber am Freitag soll es eine Informationsveranstaltung im Bürgerzentrum geben. Vielleicht gehst Du einmal hin.«

Abwesend nickte sie und verabschiedete ihre Freundin.

Als Rosa gegangen war, hatte sie versucht, die ganze Geschichte als dummen Tratsch abzutun. Aber in den nächsten Tagen hörte sie die Gerüchte überall. Beim Bäcker, an der Fleischtheke im Supermarkt, im Café überall raunte es: Wissen Sie schon? … Hast Du schon gehört? Auch die Plakate der Veranstaltung hatte sie gesehen. Normalerweise würde sie nicht zu so etwas gehen. Besser war, man hielt sich aus allem raus. Igor, ihr Mann, hatte immer gesagt: »Das ist nichts für unsereinen. Die da oben machen doch, was sie wollen.« Und sie hatte ihm recht gegeben. Aber diesmal musste sie Klarheit haben und die konnte sie nur am Freitag im Bürgerzentrum erlangen.

 

Als sie in ihrem besten Kostüm und mit sorgfältig aufgesteckten grauen Zöpfen ins Bürgerzentrum kam, fühlte sie sich unter den vielen Menschen ein wenig verloren. Sie nickte dem einem oder anderen Gartennachbarn freundlich zu, nahm sich einen Tee und setzte sich weit nach hinten und wartete das Es begann. Nachdem alle ihren Platz gefunden hatten, traten drei noch recht junge Männer auf eine Art Bühne. Sie sahen fast identisch aus. Schwarzer Anzug, Hemd Krawatte, gegelte Haare, gepflegte Sonnenbräune. Fast synchron legten sie ihre I-Phones vor sich auf dem Tisch neben die Laptops. Sie wirkten wie aus einer Fernsehserie, ein wenig zu perfekt um echt zu sein. Boshaft dachte sie: Die sehen aus, wie aus einem Ei geschlüpft. Dann begann einer der Drei mit der Begrüßung und es ging los. Auf einer Leinwand erschienen Bauskizzen, Flurkarten und Diagramme. Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass ein Prestigeobjekt entstehen würde und wie sehr dieses die Kaufkraft im Stadtteil erhöhen würde.

Eine Frau, in einem ausgeleierten, rosa Jogginganzug und einer Bierdose in der Hand, rief höhnisch: »Ja klar, Frau Neureich und Herr Zaster werden verdammt froh sein, mit mir ein wenig an der Supermarktkasse plauschen zu können.« Einige lachten. Der Besitzer des türkischen Gemüseladens meldete sich zu Wort und fragte: »Werden die Mieten steigen?« Die Männer auf dem Podium lächelten vertrauenserweckend und beruhigend: »Nein, natürlich nicht.« Niemand glaubte ihnen. Ihr Lächeln wirkte zu einstudiert.

Als sie die Versammlung verließ, wusste sie es genau: Sie würden ihr den Garten nehmen und sicher würde es nicht lange dauern, bis sie auch aus ihrer Wohnung musste. Sie war schließlich nicht dumm. Mehr Prestige und mehr Kaufkraft zog Menschen an, die jetzt auf keinem Fall hier wohnen wollten. Es war so ungerecht. Überall war es das Gleiche. Geld konnte alles. Wenn jemand Geld hatte und noch mehr Geld machen wollte, konnte er ihren Garten nehmen und die Bäume fällen. Konnte das kleine Häuschen abreißen, dass Igor noch gebaut hatte und in dem sie an warmen Sommertagen auch schlief. Erst war sie verzweifelt, dann kam die Wut. Eine Wut, wie sie sie noch nie gespürt hatte.  Schon wieder wollte man ihr das zu Hause nehmen. Diesmal nicht so abrupt wie damals, als sie aus ihrem Heimatdorf fort musste, sondern schön stückchenweise. Gleich waren nur die Lügen: dass es ums Gemeinwohl ging, um Arbeitsplätze, um ein besseres Leben für alle. Dabei ging es doch immer nur um Geld und das die die es hatten, noch mehr davon bekamen.

Plötzlich merkte sie, dass ihre Schritte sie nicht zu ihrer Wohnung geführt hatten, sondern in den Wald. Sie atmete tief durch. Der Frühling begann. Sie wurde ein wenig ruhiger. Doch dann stieg die Wut erneut in ihr auf. Nicht nur den Garten würden sie ihr nehmen, sondern auch den Wald. Was hatte der eine junge Schnösel gesagt: Das Waldgebiet wird in die Parkanlage, die um die Appartmenthäuser entstehen sollte, eingemeindet. Mit seinem Haifischlächeln hatte er hinzugefügt: »Natürlich wird das Westufer des Sees weiterhin als Freizeitgebiet allen Anwohnern im Stadtteil zur Verfügung stehen«. Ja, natürlich. Das Westufer, an dem es keine kühlenden Bäume gab und an dem es sumpfig war, das war weiterhin für die Armen da. Den Wald musste man sich leisten können.

Sie lehnte sich an einen Baum und plötzlich schrie sie: »NEIN, ich gehe hier nicht fort. Das ist mein Platz. Hier will ich altwerden und bis zu meinem Tod leben.« Doch was sollte sie tun? Plötzlich fielen ihr die alten Geschichten aus ihrer Heimat ein. Von Baba Yaga, der alten Hexe die in einem Haus auf Hühnerbeinen tief im Wald lebte, die in einem Mörser über den Himmel flog und alle strafte, die Unrecht taten. Ihr fiel wieder ein, dass die Leute in ihrem Heimatdorf in ihrer Jugend geraunt hatten, sie stünde mit Baba Yaga im Bunde. Plötzlich schrie sie: Baba Yaga, wenn es dich gibt, dann hilf mir, dieses Unrecht zu verhüten.« Dann lauschte sie, doch niemand antwortete. Schließlich ging sie erschöpft und ein wenig beschämt ob ihres kindischen Verhaltens nach Hause. Ohne noch den Fernseher einzuschalten oder etwas zu essen, ging sie zu Bett und weinte sich in den Schlaf.

Am Morgen, als sie erwachte, erinnerte sie sich an einen Traum. Baba Yaga war auf ihrem Mörser in ihr Zimmer geflogen und hatte sie mit sich genommen. Sie war mit ihr über den nächtlichen Himmel geflogen. Zuerst war sie voller Angst gewesen, doch dann genoss sie den Flug. Plötzlich waren sie in dem Wald an ihrem Garten gewesen. Baba Yaga hatte sie streng angesehen und gesagt: »Du hast mich gerufen. Ich bin gekommen. Was willst Du von mir?« Sie hatte ihr von dem Bauvorhaben erzählt und die alte Hexe hatte wütend mit dem Fuß aufgestapft und die Fäuste geballt. Schließlich hatte sie sich beruhigt und gesagt: »Du willst also dein Land behalten? Dann musst Du kämpfen! Ich helfe Dir, weil Du mir und den Wäldern schon immer nahe warst. Aber es wird schwer. In dieser Zeit glauben die Menschen nicht mehr an die Hexenkraft. Selbst Du kannst dich nicht mehr erinnern, wie oft wir uns unterhalten haben, als Du klein warst und in den Wald zu mir kamst.« Ihr Blick wurde traurig, dann fuhr sie fort: »Ich kann in dieser kalten Geldwelt nicht viel tun, Geld ist ein Zaubermittel, über das ich keine Macht habe, aber ich kann Dir die Kraft der Reflexion leihen. Du musst die wilde Frau in dir wecken, wenn Du kämpfen willst. Musst wissen, wer Du bist und was Du willst.«

An mehr erinnerte sie sich nicht. Doch, als sie ins Bad ging, um sich für den Tag zurechtzumachen und in den Spiegel sah, glaubte sie darin das Gesicht der Baba Yaga zu sehen. »Wecke die wilde Frau in dir«. Die Worte hallten in ihrem Kopf.

Die Veränderung ging schnell. Statt der ordentlich aufgesteckten Zöpfe und der dunklen, strengen Kostüme wehten ihre langen, grauen Locken offen um ihre Schulter und sie trug nun bunte Röcke und Blusen. Ihre Haltung veränderte sich. Vor dem Besuch Baba Yagas war sie immer ein wenig gebeugt gegangen, um kleiner zu wirken. Nun hielt sie sich gerade, ihre Stimme wurde laut und energisch und sie sah den Menschen offen ins Gesicht. Eines Morgens, als sie aus dem Haus gehen wollte, fiel ihr Blick auf Hühnerkralle, die sie zum Schutz gegen Einbrecher an die Wohnungstür gehängt hatte, wie es in ihrem russischen Dorf Brauch gewesen war, und nahm sie an sich. Seitdem ging sie nie mir ohne diese aus dem Haus, ohne selbst so recht zu wissen, warum. Eines Tages traf sie bei ihren täglichen Gängen durch das Viertel auf einen der drei jungen Männer, die ihre Lügen bei der Informationsveranstaltung erzählt hatten. Plötzlich wusste sie, was sie zu tun hatte. Sie ging auf ihn zu. Er telefonierte gerade und sah sie irritiert an. Sie wies mit der Hühnerkralle auf ihn, er versuchte ein Lächeln, das auf halben Wege erstarrte. Sein Telefon fiel zu Boden, ohne dass er sich darum kümmerte. Er versuchte sich von ihrem Blick zu lösen, doch er konnte es nicht. Er begann zu wimmern und kauerte sich zusammen. Als sie ihm den Rücken zuwandte, hörte sie ihn jammern: »Aber das habe ich doch nie gewollt. Bitte glaub mir … Ich wollte doch nur meine Arbeit gut machen …

Am nächsten Tag, beim Bäcker traf sie Rosa, die ihren Blick über ihr verändertes Aussehen gleiten ließ, aber, entgegen ihrer Art, keine spöttische Bemerkung machte. Sie hatte andere Neuigkeiten, die förmlich aus ihr heraussprudelten: »Hast du schon gehört? Gestern ist einer von diesen Investoren, die deinen Garten aufkaufen wollen, zusammengebrochen. Er ist weinend durch unseren Stadtteil gelaufen. Wimmerte immer: Das wolle er doch wirklich nicht. Und er hätte doch nicht gewusst, dass es so schlimm kommen würde. Dann faselte er etwas von einer alten Hexe, die ihn mit einer Hühnerkralle berührt hätte und plötzlich wusste er, dass er ein neues Leben anfangen müsste.« Rosas Blick wanderte unauffällig zu der Hühnerkralle in der Hand ihrer Freundin und glitt über deren verändertes Aussehen. Dann fuhr sie fort: »Er wurde in die Psychiatrie eingeliefert.« Mit einem resignierten Lächeln fügte sie hinzu: »Das war nur einer, es werden andere kommen.«

Sie schenkte der Freundin ein grimmiges Lächeln und blickte vielsagend auf die Hühnerkralle: »Lass sie kommen, der Wald und die Gärten haben mächtige Verbündete.« Ihr Blick glitt zur anderen Straßenseite und zu dem Mann im schwarzen Anzug, der neben einem schwarzen Mercedes stand.  Während sie sich anschickte die Straße zu überqueren, warf sie einen kurzen Blick über die Schulter auf Rosa und sagte freundlich: »Entschuldige, ich habe zu tun.« Dabei hob sie die Hühnerkralle und ging geradewegs auf den Mann zu.

(Baba Yaga © Karin Braun – veröffentlicht 2014 in der Anthologie Narrenflieger)

6 Gedanken zu „Baba Yaga von Karin Braun

    1. Liebe Gudrun, es ist hier ganz in der Nähe passiert. Wir hatten sogar einen Bürgerentscheid über die Ansiedlung von Möbelkraft, der knapp zu Gunsten derer ausging. Leider! Es hat mich so wütend gemacht zu sehen, wie die Gärten zerstört wurden, die mit so viel Liebe gepflegt wurden. Ich bin gerne dort spazieren gegangen. Auch wenn Gartenzwerge nicht mein Ding sind, aber ich mochte dieses blühende Stück sehr. Es passiert allen Ortens. Damals habe ich mir so sehr bewusste Hühnerkralle gewünscht. Ach was, ich wünsche sie mir immer noch ..

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