Das Ende ist nahe

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Heute waren wir nur kurz im Hospiz. Dieter ging es so schlecht, dass er seine Ruhe wollte, also sind wir gegangen, haben aber vorher noch mit der Schwester gesprochen, die sagte, was ich schon wusste: Dass es nun nicht mehr lange dauern wird. Natürlich war das die ganze Zeit klar, aber man gewöhnt sich so an die Routine, auf Besuch zu fahren und irgendwann ist man überrascht, dass es nun wirklich zu Ende geht. Ich muss gestehen, mir graut vor der Zeit „danach“, vor den ganzen Dingen, die erledigt werden müssen und vor allem vor den Auseinandersetzungen mit seiner Freundin, die sich auch im Hospiz bereits unbeliebt gemacht hat. Man bat uns heute doch einmal mit ihr zu reden, dass sie nicht so eine Unruhe verbreiten soll, sondern einfach seine Hand halten und da sein. Was natürlich für eine, die sich für die Hauptleidtragende in dem Drama hält und nicht den Sterbenden, unmöglich ist. Viktor hat versucht es ihr zu verklickern, doch ich befürchte, die Botschaft ist nicht angekommen. Ich hoffe wir kriegen die Beerdigung und die Trauerfeier ruhig über die Bühne und die Situation eskaliert nicht.

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Im Anschluss ans Hospiz waren wir eingeladen bei einer lieben Freundin und haben schön in der Sonne gesessen und geklönt. Da gab es auch lecker Kuchen, den ich leider nicht fotografiert habe. Nächstes Mal.

 

Hekate – an der Wegkreuzung

Hekate

In letzter Zeit ziehe ich dauernd Hekate als Tageskarte. Die Wegkreuzung, es wird also Zeit Entscheidungen zu treffen, wie es weitergehen und vor allem wohin es gehen soll. Hatten heute ein ernstes Gespräch und eine Entscheidung ist gefallen. Da es noch ein wenig Finetuning braucht, dazu später mehr. Erleichterung und Trauer halten sich die Waage. Also einen Weg haben wir ausgesondert. Doch wo soll es hingehen. Ich glaube ich halte es mit Robert Frost:

Im Wald zwei Wege boten sich mir dar,

ich nahm den, der weniger betreten war,

und dies veränderte mein Leben.

Eine Empfehlung die diese Karte hat, ist, wage den Sprung ins Leere.

Die tägliche Routine

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Während unser Alltag sonst eher von Büchern, Musik und Hundespaziergängen bestimmt war, sind es jetzt die Besuche im Hospiz, die Fahrten in die Messihölle und Seelenstreichler, wie Ausflüge und Kuchenessen.

Heute war es im Hospiz besonders anstrengend, obwohl wir Dieter es ein wenig bequemer machen konnten, er hat sogar ein wenig getrunken, atmet aber extrem schwer und man hat den Eindruck, jeder Atemzug könnte der Letzte sein. Das dem nicht unbedingt so sein muss, ist klar, nur man wünscht es ihm … und ja, auch uns.

Heute war es besonders wichtig, dass wir noch etwas Schönes machen, bevor es zurück nach Hause ging, also haben wir ein altes Lieblingscafé von uns besucht. Das ist nun allerdings von der Lieblingscaféliste gestrichen, ob seiner neuerdings horrenden Preise. War aber gut noch mal da gewesen zu sein. Nun sind wir wieder daheim und lassen es uns gut gehen, soweit es geht.

Die Sache mit Dieter, diese Phase des Abschieds hat auch noch einiges andere in Gang gesetzt, es gibt noch so einiges mehr, von dem wir uns verabschieden müssen … sollten. Es ist Zeit einige aufgeschobene Veränderungen anzugehen. Noch tue ich mich schwer, aber es muss wohl sein.

… und nachmittags in die Messihölle

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Es ist an der Zeit die Wohnung des Herrn Schwager abzugeben. Nicht unmittelbar, aber innerhalb der nächsten Wochen. Also waren wir heute noch einmal da. Ich mag kein Bild von der Behausung beilegen, nur so viel, immer wenn ich dort war, kehre ich deprimiert zurück. Ich denke wir brauchen noch eine Tour, dann können wir die Entrümplungsfirma kommen lassen und die Wohnung übergeben, sowie Dieter tot ist. Klingt irgendwie nicht nett, ist aber durchaus so gemeint. Wir müssen da schnell einen Abschluss haben. In der Wohnung wird uns so vieles bewusst, was wir nur latent ahnten und das ist so traurig. Auch sind wir in der Wohnung, innerhalb kürzester Zeit so genervt, dass der Ton deutlich unfreundlicher wird. Noch schlimmer, denn der Ton wird ja schnell wieder versöhnlich, ich habe immer das Gefühl mich belohnen zu müssen, wenn ich einige Stunden in der Hütte war. Dann gibt es Schokolade, Eis oder Marshmellows und an extremen Tagen Buttercreme Torte. Geht gar nicht, jedenfalls nicht in diesen Mengen.

Nun sind wir wieder zu Hause und mit ein wenig Glück gibt es gleich Abendessen, hoffentlich bevor ich mir die zweite Tafel schnappe.

Übrigens, ich möchte kein Bild von der Wohnung posten, ist schon deprimierend genug, sich dort aufzuhalten.

Pelzerhaken

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Heute ging es, wie man dem Posttitel unschwer entnehmen kann, nach Pelzerhaken. Jenni und die Kinder sind dort im Urlaub und haben drei Wochen Meer und Strand, was ihnen sicher gut tut. Es war ein wunderschöner Tag. Viktor und ich waren mit Selena am Strand und Jenni ist mit Melinda zum Schwimmkurs gewesen, wobei die kleine Krabbe mal eben, eigentlich nebenbei, ihr Seepferdchen gemacht. Nun können beide Mädchen schwimmen und keine von Beiden will mit ihrer alten Oma in die Ostsee. Na ja, ich habe da ja auch alleine Spaß. Melinda meinte übrigens, ich habe gut ausgesehen als ich erwachsen war. Als ich daraufhin richtig bemerkte, dass ich ja immer noch erwachsen wäre, bekam ich zur Antwort: Nein, nun bist du alt! Wo sie recht hat …

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Es war ein Tag voller Leichtigkeit und Lachen, was wir dringend brauchen konnten. Die letzten Tage waren sehr intensiv und wir brauchten dringend eine Ablenkung. Als wir nach Hause kamen, leuchtete die Lampe des Anrufbeantworters, was uns sofort erblassen ließ. Aber alles gut, war nur der von Dieter gewünschte Trauerredner. Er will morgen zu Besuch gehen.

Selent ohne See

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Gestern haben wir uns zu einem Spontanausflug entschlossen. Es sollte an den Selenter See gehen. Da ich mich auf den Orientierungssinn meines Mannes verlassen habe, der nur sehr rudimentär vorhanden ist, also der Orientierungssinn, nicht der Liebste, blieb es bei einem Waldspaziergang. Nach zwei Stunden herumtappern, ging es zurück nach Hause, auf der Rückfahrt fanden wir auch den See, hatten aber nicht einmal mehr Lust auszusteigen, um ein Foto zu machen. Warum falle ich immer wieder darauf rein und denke, er wird es schon wissen? Allmählich sollte mir doch bewusst sein, dass Herr Braun, einfach keinerlei Sinn für Richtungen und Entfernungen hat. Es war aber trotzdem schön. Immer wenn mal etwas seeähnliches durch das Gehölz blitzte haben wir uns vorgestellt, dass der See vielleicht nur ein Hologramm ist, mit dem Touristen gelockt werden. Denn sonst hat Selent nicht wirklich viel zu bieten, außer dass es in einer landschaftlich sehr attraktiven Gegend liegt..

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Abends habe ich dann angefangen meinen Poncho zu stricken und heute morgen wurde ein neues Tuch angeschlagen. Das Muster ist so einfach, dass sogar ein Häkeldummie wie ich es hinbekommt. Vor allem macht es Spaß und ich brauche nicht so aufzupassen, wie bei der Strickerei, der ich mich am Abend widmen werde. Erst einmal geht es ins Hospiz. Mal sehen, wie es dem Herrn Schwager so geht.

Nächste Stufe: Zu schwach für Besuch

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Gestern konnten wir das erste Mal nicht zu Dieter. Wir waren bereits im Hospiz und wurden vom Pflegepersonal informiert, dass er sich nicht in der Lage fühlt Besuch zu empfangen. Wir rufen nicht mehr direkt bei Dieter an, weil er kaum noch das Telefon abnimmt und weil das dauernde Klingeln doch stören würde, sind aber mit den Schwestern so verblieben, dass wir im Stationszimmer anrufen, ob Besuch genehm ist. Eben habe ich mit einer Schwester gesprochen und die berichtete, dass er neben dem Essen und Trinken nun auch die Pflege abgelehnt hat. Er scheint nur noch Ruhe zu wollen … und die soll er haben.

Viktor und ich sind sehr dünnhäutig zur Zeit und haben es besonders schwer mit Dieters Freundin zu kommunizieren, die irgendwie nicht zu begreifen scheint, dass er sich bewusst dazu entschieden hat, nicht mehr zu essen und zu trinken. Seine und Viktors Mutter hat es genau so gehalten. Die haben wir Drei ja vor 12 Jahren in den Tod begleitet. Das war eine sehr intensive Zeit, in der Dieter und ich uns sehr nahe gekommen sind. An diese Wochen denke ich viel zur Zeit. Auch damals war es dieser komische Zwischenzustand. Dieses auf der Türschwelle stehen. Es ist als wenn alles in Slow Motion geschieht. Der Alltag plätschert so vor sich hin. Wir arbeiten nur reduziert, machen ihr Dinge die uns gut tun, wie spazierengehen, fotografieren und Handarbeiten. Letzteres wird allmählich zur Sucht. Gestern habe ich mir die Wolle für meiner Winterjacke geholt. Eher ein Poncho. Wer mal gucken will, hier bei Drops Design. Ich habe allerdings eine andere Wolle genommen, als die vorgegebene.  Auch habe ich zu Häkeln begonnen. Mein erstes Dreieckstuch im Muster Halfgranny mit schmalem Spitzenrand ist fertig. Ich bin schon sehr stolz.

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Die Spitzenkante sollte eigentlich üppiger, aber dafür reichte die Wolle nicht. Ich bin auch so zufrieden und werde gleich das nächste in Angriff nehmen. Ich habe fest gestellt, dass die Chance etwas fertig zu bekommen, bei mehreren Projekten gleichzeitig größer ist und ich hab die Hände beschäftigt. In Zeiten wie diesen, ist immer die Gefahr groß mit dem Rauchen anzufangen.

Denn mein Herz ist frisch gebrochen von Dorothy Parker

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Diese Rezension, lässt sich relativ kurz halten. Die Gedichte von Dorothy Parker sind wundervoll, sie haben allen Witz, alle Schärfe, kurz alles, was die Autorin ausmacht. Im Original! Leider hat sich Ulrich Blumenbach daran gemacht, all dies in der deutschen Übersetzung zu vernichten. Er scheint seine Arbeit frei nach dem Motto: Reim dich oder ich fress dich, angegangen zu sein. Und wenn sich halt kein passender Reim für Rüben finden lässt, dann macht er halt Schalotten draus, weil sich Karotten so hübsch drauf reimt. Bei aller Liebe zur freien Übersetzung, aber wenn die Autorin im Original einen Vers mit einem Fragezeichen enden lässt, hat sie sich was dabei gedacht und es gibt keinen, wie auch immer gearteten Grund, in der Übersetzung hier einen Punkt zu machen.

Im Original steht in The Dark Girls Rhyme in den letzten beiden Zeilen:

Living for a hating,

Dying of a love?

Blumenbach übersetzt

Hass lässt mich bestehen,

Die an Liebe stirbt.

Im Original fragt sich die Autorin, ob es sich lohnt für einen Hass zu leben oder an dieser Liebe zu sterben. Durch den Punkt in der Übersetzung wird aus dem Abwägen eine Tatsache. Ich weiß nicht was das soll, bin tief enttäuscht und muss doch lachen, bei dem Gedanken, wie es sich anhören würde, wenn Dorothy Parker Herrn Blumenbach für den Mord an ihren Gedichten, die Leviten liest.

Denn mein Herz ist frisch gebrochen von Dorothy Parker – Übersetzer: Ulrich Blumenbach, Verlag Dörlemann

Lammas – Die Zeit der Schnitterin

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Heidnisch gesehen beginnt heute der Herbst. Lammas ist das erste Erntefest. Zeit zu überdenken, was es los zu lassen gilt und wofür Raum geschaffen werden soll. Ich merke den Jahreskreis immer stärker in meinem Körper, in meiner Seele. Gerade jetzt, wo ohnehin so vieles zu überdenken ist, bin ich dabei noch mehr nach innen zu gehen und eine Bestandsaufnahme zu machen. Keine Frage, bis dato hat mich das Jahr fix gebeutelt und ich bin erschöpft. Den heutigen Tag habe ich wahrlich genossen, nirgends hin müssen, keine Verpflichtungen haben. Einfach vor mich hinpusseln. Ein zwei Rezensionen zu CDs schreiben, kochen, mit dem Liebsten im Garten den Rest Pflaumenkuchen essen, häkeln und gleich noch lesen. Bewusst mal nicht imHospiz anrufen, darauf vertrauen, dass wir schon Bescheid kriegen, wenn es etwas zu berichten gibt. Das ist überhaupt ein Thema: Kontrolle abgeben! Einfach mal abwarten was geschieht und sich für neue Möglichkeiten offen halten. Ich glaube das wird ein Thema für die nächsten Wochen sein … und natürlich weiter ausmisten. Seelisch und physisch.

Ich bin trotz allem Stress, sehr dankbar für dieses Jahr. Klingt komisch, nachdem ich mich gerade beschwert habe, dass es mich so sehr gebeutelt hat, ist aber so. Ich habe entdeckt, dass ich sehr belastbar sein kann, dass ich in den letzten Jahren gelernt habe, rechtzeitig die Bremse zu ziehen und mich nicht mehr schäme zu sagen: Es geht nicht mehr, kannst du mal übernehmen. Ich fühle mich wieder. Das ist gut.

Es plätschert so …

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… vor sich hin. Die Veränderungen beim Herrn Schwager sind minimal und doch ist es nun unübersichtlich, dass er nicht mehr einfach ein Kranker, sondern ein Sterbender ist. Besonders für Viktor ist das hart, aber er hält sich tapfer. D. hat die Nahrungsaufnahme eingestellt. Er will nicht mehr essen und wir drängen ihn auch nicht. Es muss seine Entscheidung bleiben. Seine Mutter hat es ähnlich gehalten. Als sie bereit war zu gehen, hat sie nichts mehr zu sich genommen. Dieter trinkt wenigstens noch.

Wenn ich dort sitze und ihn ansehe, dann bin ich sehr traurig, aber auch dankbar, dass er an einem Ort ist, an dem sich gut um ihn gekümmert wird und dass er Menschen hat, die ihn mögen, einige sogar lieben und ihn bis zum Ende begleiten. Viele seiner FreundInnen und politischen Weggefährten besuchen ihn regelmäßig, sowie wie wir es tun und seine Herzensdame. Die ist allerdings ein Kapitel für sich.

Gleich bekommen wir lieben Besuch. Es gibt Zwetschgenkuchen. Diese ganze Zeit hat etwas unwirkliches. Komisch ist es. Alles hängt so in der Schwebe, dabei ist nichts klarer, als das Ende. Dann sind da wieder Tage, an denen ist es wie immer. Arbeit, Schmusen, Lachen, manchmal ein kleiner Krach, rumjonglieren um über den Monat zu kommen. Natürlich sind auch Gedanken an den eigenen Tod da … doch davon ein anderes Mal.